Autistische Kinder haben enorme Schwierigkeiten, in Gruppen von Gleichaltrigen zurechtzukommen - das ist ein wesentlicher Teil dessen, was Autismus ausmacht. Diese Schwierigkeiten werden an vielen Stellen sichtbar: Sie können nicht gut Kontakte zu Gleichaltrigen knüpfen und von diesen Kontakten profitieren. Es fällt diesen Kindern besonders schwer, in komplexen Umgebungen ein Thema zu verfolgen, das ihnen von außen vorgegeben wird. Wenn sie eigene Bedürfnisse in eine Gruppensituation einbringen, dann oft auf eine Art, die Mitschülern und Lehrern nicht akzeptabel erscheint. Wegen ihres ungewöhnlichen Verhaltens und ihrer Interessen sind sie leicht Hänseleien ihrer nichtautistischen Kameraden ausgesetzt.
Daher brauchen die meisten Kinder mit Autismus eine schulische Umgebung, die an ihre speziellen Probleme angepaßt ist (bei Beratungsbedarf können Sie sich an die Ambulanzlehrer wenden); für diejenigen, die dieser Anpassung am meisten bedürfen, betreibt der Verein spezielle Schulprojekte. Die ersten Projekte sind Ende der experimentierfreudigen siebziger Jahre entstanden. Damals erhielten autistische, ,,nicht gruppenfähige'' Kinder oft notgedrungen Einzelunterricht; einige Lehrer legten nun ihre Einzelveranstaltungen zusammen und ermöglichten einigen Kindern überhaupt erste Gruppenerfahrung. Es ist der Initiative der damaligen Lehrer zu verdanken, daß diese Formen des Unterrichts ausprobiert und bekannt wurden, sowie den Schulbehörden, die dies zunehmend akzeptierten und unterstützten.
In den achtziger Jahren wurden vom Verein mit Förderung des Berliner Senats im damaligen Westberlin einige Schulprojekte aufgebaut, in denen Lehrer und Erzieher gemeinsam arbeiten - die Lehrerstellen finanziert von Schule, die Erzieherstellen vom Senat. Die Kinder erhalten Unterricht in den Schulprojekten, leben aber zuhause oder in Heimen.
In den neunziger Jahren, nach der Wende, wurden Ganztags-Kleinklassen (damals noch ,,Schul-/Hort-Projekte'' genannt) im ehemaligen Ostteil Berlins in der Gleimstraße und der Pettenkoferstraße initiiert. Diese Ganztags-Kleinklassen sind gegenwärtig auch noch in den bestehenden Schulen als Gastprojekte untergebracht. Sie arbeiten aber in der Zwischenzeit in der gleichen personellen Zusammensetzung wie die Ganztags-Kleinklassen in Charlottenburg/Wilmersdorf. Die Erzieher/innen sind Mitarbeiter/innen des Vereins die Lehrer/innen werden von der Schule entsandt. Ab dem Schuljahr 2010/11 ist eine Zusammenführung der drei Ganztags-Kleinklassen in einer Einrichtung in Nähe der Auftragsschule in Friedrichshain vorgesehen. Dies erleichtert dann Aktivitäten wie stundenweise Teilnahme am Unterricht usw.
Der folgende Überblick orientiert sich überwiegend an der Kleinklasse Wilhelmsaue II, aber alle Projekte arbeiten recht ähnlich und haben auch einen ähnlichen Personalschlüssel.
Die meisten Kinder und Jugendlichen, die in unseren Kleinklassen aufgenommen werden, haben stark eingeschränkte Kommunikations- und Handlungsmöglichkeiten, aber nicht so stark eingeschränkte intellektuelle Fähigkeiten. Die kommunikativen Fähigkeiten sind sehr unterschiedlich und reichen von guter Verbalsprache bis zur Verständigung mit FC oder mit nonverbalen Mitteln wie Gebärden oder einfachen Lauten.
Viele der Kinder oder Jugendlichen durchlaufen nacheinander die aufeinander aufbauenden Projekte, aber es gibt auch ,,Quereinsteiger'' von anderen Schulen oder aus Integrationsprojekten; und manche Kinder verlassen auch zeitweise oder ganz die Projektabfolge und gehen an andere Schulen.
Die sehr unterschiedlichen Fähigkeitsprofile innerhalb einer Gruppe haben den Vorteil, daß die Kinder/Jugendlichen Gelegenheit erhalten, in wechselnden Bereichen voneinander zu lernen. Allerdings machen diese unterschiedlichen Sprach- und Kommunikationskompetenzen häufigen Wechsel zwischen Groß- und Kleingruppenarbeit oder Einzelförderung notwendig.
Beispiel Wilhelmsaue II: Es gibt drei Erzieher-Stellen, zwei Lehrer-Stellen, einen Zivildienstleistenden, eine halbe Stelle für eine Hauswirtschaftskraft und auf Honorarbasis eine Musiktherapeutin. Hauptbezugspersonen für die Kinder und Jugendlichen sind die Erzieherinnen und Erzieher, weil sie aufgrund der Ganztagsbetreuung ausgiebigeren Kontakt als zu den Lehrerinnen und Lehrern haben.
Wie schon in der Frühförderung basiert die Arbeit auf einem Vertrauensverhältnis zu den Kindern oder Jugendlichen. Wesentliche Aufgaben sind: Hilfestellung bei der Verarbeitung von Wahrnehmungsstörungen und Ängsten; Förderung kommunikativer Fähigkeiten (Verbalsprache, gestützte Kommunikation, Gebärdensprache, Bild- und Symbolkarten); Verbessern selbständigen Handelns im Alltag (Ausflüge mit Förderung angemessener Verhaltensweisen).
Aggression, Selbstverletzung und Stereotypien sind ,,herausfordernd'' in dem Sinne, daß sie ein Weg sind, die Umwelt aktiv zu gestalten oder auch nur erträglich zu machen. Daher müssen sie in einem gewissen Maß toleriert werden, aber es wird natürlich grundsätzlich versucht, alternative Formen der Äußerung zu finden, um eine bessere Bewältigung des Alltags zu unterstützen.
Wenn möglich, kann ein Jugendlicher in unserer Kleinklasse III einen Hauptschulabschluß erwerben. Die Suche nach einem geeigneten Praktikumsplatz für Jugendliche wird unterstützt, ein Praktikum kann begleitet werden.
So kann ein typischer Tagesablauf aussehen (die Zeiten können variieren, die Einrichtungen strukturieren den Tag selbst):
Kleinklasse I (6-10 Jahre)
Kleinklasse II (10-14 Jahre)
Kleinklasse III (14-18 Jahre)
jeweils 9 Plätze
Wilhelmsaue 116
10715 Berlin
Tel. (030) 802020961 ( I )
Tel. (030) 802020962 ( II )
Tel. (030) 802020963 ( III )
Anfrage Wilhelmsaue
Kleinklassenflyer
Kleinklasse I (6-10 Jahre)
jeweils 9 Plätze
Gleimstr. 49
10437 Berlin
Tel. (030) 44387516
Anfrage Gleimstr
Kleinklasse II (10-14 Jahre)
Kleinklasse III (14-18 Jahre)
jeweils 9 Plätze
Pettenkofer Str. 20-24
10247 Berlin
Tel. (030) 3229811930
Anfrage Pettenkoferstr